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Fons Hickmann von m23 im Interview geführt von Erwin K. Bauer

1. Wenn du die Gelegenheit hättest, irgendetwas deiner Wahl zu entwerfen, was könnte das sein?
FH (Fons Hickmann):
Einen Fesselballon würde ich gerne entwerfen, die Außenhülle gestalten. Für unsere Ausstellung in Chaumont schlug ich diese Idee vor: Alle eingeladenen Designer sollten das Tuch eines Fesselballons gestalten. So ein Ballon hat eine Fläche von mehreren Hundert Quadratmetern. Ich hatte die Idee, dass jeder Gestalter mit seinem eigenen Ballon nach Frankreich fliegt – und das sollte auch zugleich die Ausstellung sein. Einen Designausstellung im europäischen Himmel.


2. Das heißt, du erfindest die Sachen selber, die du gerne machen würdest?
FH:
Das war ja für die Auftraggeber natürlich etwas Visionäres. Ich hab versucht, die Fiktion realisierbar zu machen. Die Idee war für die meisten ziemlich durchgeknallt, auch unsere Leute im eigenen Büro sagten „Der Fons, der spinnt!“ - aber es war nicht ganz unrealistisch. Wir sind auch recht weit gekommen: Wir hatten einen Ballonhersteller, der das umsetzen konnten, wir hatten den Ballonfahrer und sein Team. Das einzige, was noch fehlte, war ein zweiter Sponsor. Die Summe war zu zwei dritteln schon gedeckt. Eigentlich waren wir ziemlich nah dran, aber um einen weiteren Sponsor zu finden, hatten wir schicht zu wenig Zeit. Wenn ich ein halbes Jahr mehr Planung gehabt hätte, dann hätte das geklappt, davon bin ich überzeugt!


3. Und was ist draus geworden?
FH:
Alle fanden meine Ideen toll, aber niemand wollte das finanzieren – aus.
Stattdessen haben wir dann die Lagerhalle, die dort zur Verfügung stand als Ausstellungsraum genutzt. Die Veranstaltung in Chaumont hat immer einen Länder-Schwerpunkt. Letztes Jahr war es Holland. Davor war es die Schweiz. Jetzt war es Deutschland bzw. Berlin. Die Halle wurde früher mal als Verkehrsübungsplatz für Kinder genutzt, mit Straßensystem etc, wir übernahmen das und taten so, als sei die Halle Berlin, die Studios wurden dementsprechend verortet, zum Beispiel Cyan in Ostberlin, wir im Westen etc. Die Exponate hingen wir an verstellbare Bergsteigenseile an die zwölf Meter hohe Hallendecke, sie schwebten über der Beschriftung am Boden.


4. Ist das oft so, dass verrückte Ideen Präsentationen tragen, die man gewinnt und dann doch nicht ganz umgesetzt werden?
FH:
Das wäre schade, wenn es so wäre! Bei der Ballonaktion wäre es noch möglich gewesen, nur mit einem, anstatt mit fünf Ballons zu fahren. Das fand ich für fünf verschieden Gestaltern aber inkonsequent, dann lieber „ganz oder gar nicht.“


5. Es gibt ja immer die Suche nach Rezepturen für gutes Design. Gibt es einen Punkt ist, wo eine Idee zu gutem Design wird?
FH:
Ich glaub, die Suche nach Rezepturen hat mehrere Gründe. Einmal ist es die eigene Unvollkommenheit, die uns nach einer allgemein gültigen Antwort suchen lässt. Das betrifft nicht nur das Design, sondern ist ein gesamtpsychologisches Phänomen. Es ist das Bedürfnis nach Vollkommenheit, das auch dazu führt, dass wir uns an Religionen hängen und diese Zur Not bis aufs Blut verteidigen, nur damit wir nicht wieder an unsere Unvollkommenheit erinnert werden. Zum anderen gibt es das ganz praktische Bedürfnis, den Alltag zu vereinfachen und schneller zu wirtschaftlichen Erfolg zu gelangen. Eine Rezeptur hilft mir, meinen Kuchen ordentlich zu backen, dann schmeckt er auch. Die Designer, die etwas Neues in die Welt bringen wollen, gehen einen anderen Weg, sie backen ohne Rezeptur, damit gehen sie das Risiko ein zu scheitern. Das ist gefährlicher, aber interessanter. Und es ist der einzige Weg den Horizont seiner Arbeit zu erweitern.


6. Ganz etwas anderes: Vor 30, 40 Jahren war es ja noch möglich, ein gesellschaftliches Programm für die Gestaltung der Gesellschaft aufzustellen, ein politisches Programm auch. Und Designer haben das ja auch versucht. Otl Aicher ist das beste Beispiel dafür. Heute leben wir in einer multiplen Gesellschaft, wo vieles gleichzeitig passiert und unterschiedliche Sozialisierungsgruppen mit verschiedenen Bedürfnissen nebeneinander existieren. Glaubst du, dass es noch möglich ist, übergreifende Ziele für gute Gestaltung oder für politisch sozial relevante Gestaltung zu finden?
FH:
Ich finde, man sollte durchaus den Versuch wagen. Dabei bedenken nicht die gleichen Fehler zu begehen, die Designer in der Vergangenheit gemacht haben. Einige Protagonisten, die du genannt hast, sind in ihren Äusserungen dogmatisch geworden, indem sie versuchten allgemeingültige Formeln zu entwerfen, die dann oft sehr naiv wirkten. Ich denke, das kann man an einigen Thesen von Otl Aicher exemplarisch feststellen.
Die Frage ist, wie man gesellschaftliches Engagement umsetzt und wie man das in der heutigen Zeit tut. Die Gesellschaft hat sich entwickelt, sie ist auch im geistigen Sinne multipler, vielleicht kann man sagen interdisziplinärer geworden. Und sie ist eigentlich auch, zumindest die westliche, anti-dogmatischer geworden. Das sieht zwar nicht immer so aus, aber die dogmatischen Tendenzen im Westen, die es immer noch gibt und die sich teilweise aggressiv äußern, sind das letzte Aufbäumen in dieser Wandlung.


7. Das entspricht ja gerade diesem Multiplen, dem Gleichzeitigen.
FH:
Ja. Und ich würde auch eigentlich nicht so weit gehen, zu sagen, man braucht einen Gesellschaftsentwurf, das fände ich vermessen. Das ist ja auch zuviel versprochen. Aber man sollte sich beteiligen und beeinflussen.


8. Was kann man in die Flut von Botschaften einbringen, um etwas zu bewegen, die vielleicht sogar drei Schritte voraus greifen, um den ersten Schritt zu tun?
FH:
Ich könnte mir vorstellen, dass es durchaus Zeit wäre, ein Manifest programmatisch als Reibungsfläche in die Welt zu werfen – nicht als Gesetz.
Ich glaube nicht, das Formeln wie die zehn Gebote realitätstauglich sind. Die zehn Gebote sind es ja auch nicht mehr, waren es wahrscheinlich nie. Sie halten in Auswüchse im Zaum oder bilden einen gesellschaftlichen Kompromis, aber ohne Wandlung und Zeitbezug sind sie nicht hilfreich.
Um die Diskussion anzufachen sind Manifeste gut, da dürfen sie ruhig auch übertrieben konstruiert sein, wie das Dogma von Lars von Trier. Aber nicht so wie First Thing First oder die Statements von Bruce Mau oder wer auch immer behauptet, das wäre jetzt hier die Wahrheit. Lebhaft finde ich die politische Agitation von Ruedi Baur, sie ist eher thesenhaft, da geht es um die Bewusstmachung der eigenen Tätigkeit, denn das was Graphikdesigner tun, ist gesellschaftlich relevant, ob sie wollen oder nicht. Selbst die, die glauben, nichts mit Politik zu tun zu haben, betreiben sie dennoch täglich.


9. Aber es gibt sehr wohl Unterschiede zwischen Bestätigung von Botschaften, die man kennt, die sich aus der Masse der Botschaften wenig abheben, und bewussten Provokationen. Wie zum Beispiel Sagmeisters Versuch, soziale Themen aufzugreifen.
FH:
Das fusst auf den Aktionen von Grapus, Gerard Paris Clavell und Alex Jordan oder der Gruppe Ne pas Plier oder Les trav.... Besonders Gerard Paris Clavel, hat sich die politische Agitation zur Lebensaufgabe gemacht. Die politische Arbeit von Grafiker hat eine grosse Tradition, dabei ist die selbstinitiierte die interresantere, siehe zum Beispiel John Hartfield. Wenn das heute Trenddesigner von Zeit zu Zeit mal machen wirkt das ein wenig kokett, wie ein Feigenblatt, ein bisschen Political Corectnes. Da sollte schon einen Überzeugung dahinter stehen.


10. Als Haltung.
FH:
Genau. Das muss authentisch sein. Man muss den Leuten das abnehmen. Ich glaube, dass sich viele Gestalter im Laufe ihrer Karriere dessen bewusst werden und dann auch versuchen, das umzusetzen.


11. Kommen wir zu deinem aktuellen Buch. Wenn man so ein Buch gestaltet, wie du das gemacht hast, so einen fetten Wälzer, ist das ja eigentlich die Aufarbeitung der eigenen Vergangenheit. Es ist eigentlich ein Blick zurück. Ich beobachte immer mehr, dass es eigentlich den Blick zurück kaum mehr gibt in unserer Gesellschaft, es gibt eigentlich nur mehr den Blick nach vorne. Und selbst wenn der Blick zurück kultiviert wird in Museen, dann ist es trotzdem noch mit dem Ziel, nach vorne hin weiter zu arbeiten und wieder was Neues abzubilden.
FH:
Treffend zu deiner Frage, habe ich mit Kurt Weidemann ein schönes Abendgespräch geführt. Der sagte, er vermisst am meisten an seinen Studierenden das Geschichtsbewusstsein. Wie alt ist Kurt jetzt, 82 oder 83? – wer könnte das also besser beurteilen als er? Er sagte, dass das Bewustsein für die Vergangenheit in der Zeit, in der er gelehrt hat, bei seinen Studierenden stetig abgenommen hat. Bei seinen ersten Studenten reichte es noch etwa 200 oder 300 Jahre in die Vergangenheit und mittlerweile ist das Geschichtsbewusstsein bei wenigen Jahren angelangt. Er hat keine Antwort darauf geben können, warum das so ist. Unsere Gesellschaft ist in diesem Sinne eine hysterische Gesellschaft, eine, die nur am augenblicklichen Zeitgeschehen interessiert ist. Was bedeutet das? Bedauerlich daran ist, dass sie womöglich einen großen Schatz an Wissen und Erfahrung aufgibt. Gut daran könnte sein, dass sie nach eigenen Lösungen sucht, nach neuen Antworten auf alte Fragen.
Persönlich habe ich großes Interesse an geschichtlichen Prozessen, an philosophischen und politischen. Ließt man die Philosophen quer durch die Jahrhunderte wird schnell deutlich, das die Kernfragen und viele Antworten schon immer da waren, ich kann mir nicht vorstellen das es mal unwichtig werden könnte Platon zu lesen. Das bezieht sich aber nur rudimentär auf meine Arbeit. Meine Arbeit hat einen starken Jetztbezug. Ich arbeite im Jetzt, entwerfe im Augenblick und mit dem Wissen und der Ästhetik, die ich jetzt für richtig halte. Ein Buch zu machen ist erst einmal Psychotherapie, Autopsychotherapie, eine intensive Auseinandersetzung mit der eigenen Arbeit der letzten Jahre, vielleicht um sie auch wirklich mal ins Regal schieben zu können.


12. …sie abzuschließen.
FH:
Auch die Geschichten und emotionalen Verwicklungen und die Schaffensprozesse, die ja manchmal auch schmerzhaft waren, um mit all dem mal abzuschließen. Ich habe ja auch ein paar Jahre daran gearbeitet, um dann einen neuen Weg einzuschlagen. Ich weiß aber noch nicht, wohin der mich führt. Was mir total fehlt, das ist die Fähigkeit, in die Zukunft zu blicken.


13. Erstaunlich. Das kann doch jeder. [Beide lachen]
Dazu gibt’s eine gute Frage. Zehn Jahre als Stichwort. Wie sieht der Designer der Zukunft aus?

FH:
Naja, ein Designer wird ja immer ein Kind seiner Zeit sein. Der Designer ist dem Zeitgeist entweder unterworfen, oder wenn er Glück hat, prägt er den mit.
Er wird Fähigkeiten in verschiedenen medialen Bereichen brauchen, um mithalten zu können. Er wird in der Technik mithalten müssen. Er wird kulturell umfassend informiert sein müssen. Im Prinzip muss er wieder zum Gelehrten werden in einem umfassenden, generalistischen Sinne. Das ist ein Idealbild. Aber ich glaube, mit diesem Idealbild, das eigentlich aus der Vergangenheit stammt, könnte man auch in Zukunft wieder bestehen.


14. Die Arbeitsfelder oder die Tätigkeitsbereiche ufern ja immer stärker aus. Egal ob es das Management ist oder das Marketing oder was auch immer wir als Feld nehmen, wie kann es der Designer der Zukunft schaffen, sein Feld zu begrenzen? Grenzen überschreiten passiert permanent. Wo liegt die Kernkompetenz des Designers? Das Profil flutet ja derzeit in alle Richtungen.
FH:
Ja, das finde ich auch gut so. Schön es flutet und fließt. Ich finde die Unbegrenztheit reizvoll. Auch wenn es schwierig ist darin zu schwimmen, zugegeben, man kann sich darin auch verlieren.


15. Warum tust du das, was du tust? Was treibt dich dazu an?
FH:
Ich gehe nicht nach Lageplan, ich gehe meinen Weg eher nach Gefühl. Dieser Weg hat kein wirkliches Ziel, ohne das Motiv „Der Weg ist das Ziel“ zu bemühen. Im Prinzip sehe ich vor mir einen Weg und den beschreite ich mit ziemlicher Beharrlichkeit, aber ohne dass ich weiß, wohin der mich führt. Aber ich bin auch relativ schwer von einem Weg abzubringen.


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Fons Hickmann ist Grafik Designer und Gründer des Designstudios Fons Hickmann m23 in Berlin. Seit 2007 ist er Professor an der Universität der Künste in Berlin und lehrte zuvor sechs Jahre an der „Angewandten“ in Wien.

Er studierte Kommunikations Design, Fotografie und Philosophie in Düsseldorf und Wuppertal. Er ist Vorstandsmitglied des Designlabors Bremerhaven und Mitglied im TDC New York, ADC Deutschland und der Alliance Graphique Internationale. Jüngste Publikation im DGV Gestalten Verlag: „Fons Hickmann - Touch Me There“

Das Studio Fons Hickmann m23 zählt seit Jahren zu den am häufigsten ausgezeichneten weltweit. Prämiert wurde es unter anderem mit zahlreiche Awards des Art Directors Club USA und Deutschland, Type Directors Club New York und Tokyo, Gold und Bronze Medaille Design Austria, Golden Bee Award Moskau, Plakatkunstpreis Sofia, Ehrendiplom VGD, Excellence Award China und Reddot Best of the Best Award und dem Lead Award in Gold.

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